Rückschritt ins letzte Jahrtausend – freier Zugang zur Psychotherapie wird abgeschafft

22. Apr. 2025

Eine der wichtigsten Errungenschaften des 1999 eingeführten Psychotherapeutengesetzes war neben der Integration entsprechend qualifizierter Psychotherapeut*innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen in das kassenärztliche System die freie Verfügbarkeit der Psychotherapie für alle. Es bedarf aktuell keinerlei Überweisung durch Haus- oder Kinderärzt*innen, sodass ein unmittelbarer und barrierefreier Zugang zur Psychotherapie inklusive der Erstgespräche sowie der neuropsychologischen Diagnostik möglich ist.

Dies hat vor allem für Menschen, die Angst vor einer Stigmatisierung ihrer seelischen Probleme haben, den großen Vorteil, dass sie sich vertrauensvoll direkt an eine psychotherapeutische Fachperson wenden können, ohne zuvor eine ärztliche Überweisung einholen zu müssen. Dies spart zudem Zeit, denn die hausärztlichen und kinderärztlichen Praxen sind bekanntlich chronisch überlastet.

Der neue Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD sieht nun vor, dass die bisherige, bewährte Regelung abgeschafft und durch ein sogenanntes „verpflichtendes Primärarztsystem“ ersetzt werden soll. In diesem System soll – mit Ausnahme der Augenheilkunde und Gynäkologie – jeder Besuch einer fachärztlichen Praxis nur per Überweisung möglich sein. Dies gilt auch für die Psychotherapie bei kassenzugelassenen Therapeut*innen.

Konkret bedeutet dies, dass Haus- oder Kinderärzt*innen darüber entscheiden werden, wer einer psychotherapeutischen Behandlung oder Diagnostik würdig ist und wer nicht. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die durch ihre seelische Probleme oder psychischen Erkrankungen ohnehin schon erheblich belastet sind, wird eine zusätzliche Hürde in den Weg gestellt.

Die zweifelsfrei jetzt schon unzumutbaren Wartezeiten auf jegliche Diagnostik und Therapie werden sich dadurch weiter erhöhen. Die Pläne der Koalition sind aus meiner Sicht zutiefst unsozial und werden insbesondere von Armut Betroffene oder Familien mit Migrationshintergrund sehr hart treffen.

Wenn in einem der reichsten Länder der Welt Einsparungen auf dem Rücken von, durch seelische und körperliche Erkrankungen geschwächten, Familien ausgetragen werden, so widerspricht dies letztlich den Grundsätzen der Humanität.

Übrigens: Wer diese Regelung umgehen möchte, soll mit Gebühren belegt werden. Das schafft nicht nur noch mehr Bürokratie, sondern verschärft soziale Ungleichheit.

Ich werde mich gemeinsam mit meinen Berufsverbänden für eine Herausnahme der Psychotherapie aus diesem Gesetzesentwurf, oder besser noch für eine komplette Streichung einsetzen.

Ihr/euer Hardi Schlie