Einatmen. Ausatmen.

Einatmen. Ausatmen.

Die Sommerferien in Schleswig-Holstein nähern sich ihrem Ende. Für einige Kinder, Eltern und Erwachsene ist das ein Moment des Bedauerns, andere sehnen den Schulanfang herbei. Die zurückliegenden Wochen wurden sicherlich ganz unterschiedlich verbracht. Manche Kinder gingen in die Ferienbetreuung, viele unternahmen nähere oder fernere Reisen, einige haben gelernt, Ausflüge unternommen oder viel gespielt.

Was man ständig tut, allerdings häufig nicht bewusst: atmen. Obwohl viele von euch/Ihnen vor den Ferien möglicherweise gedacht habt/haben: „Freizeit. Endlich mal durchatmen können“. Hoffentlich konntet ihr/konnten Sie das bei reichlich frischer Luft (vielleicht am Meer?) tun.

Wie können wir alle Entspannung aus dem Urlaub in den Alltag mitnehmen? Wenn ein Termin den nächsten jagt und Leistungsdruck präsent ist?

Bewusstes atmen – wenn es auch nur eine Minute am Tag ist! Das senkt den Stresspegel und kann sich beruhigend auswirken. Tief durch die Nase einatmen und hörbar durch den Mund ausatmen, gerne mit einem kleinen hörbaren Seufzer. Damit wird nicht wieder alles gut, wir werden deshalb nicht sofort gesünder, aber wir haben uns „Luft verschafft“. Im schlimmsten Fall haben wir eine Minute geopfert und das getan, was wir ständig tun: einatmen und ausatmen.

In der kommenden Woche sind wir noch in der Praxis und auch die Telefonsprechzeit findet wie gewohnt statt. Ab dem 08.09.2025 hat unsere Praxis geschlossen, wir machen bis Freitag, den 26.09.2025 Betriebsferien. Wir atmen mal richtig durch, lassen die Seele baumeln und sortieren auch unsere Blogthemen, die wir dann ab Oktober wieder wöchentlich auf unsere Homepage stellen werden.

Wir wünschen euch einen guten Schul- und Arbeitsstart, noch ein paar schöne Sommertage und alles Gute!

Roma Mukherjee & Hardi Schlie

„Das war doch nur Spaß.“ Nein! Warum Mobbing und Bullying keine Scherze sind, sondern massive Übergriffe darstellen, der gravierende seelische & körperliche Folgen haben können.

In meiner Praxis werden mir immer wieder Patient*innen explizit wegen Mobbings und Bullying vorgestellt. Unter Mobbing wird, oft demütigende, soziale Ausgrenzung verstanden, während Bullying körperliche Gewalt meint. Infolge der Übergriffe leiden die Opfer häufig unter sozialen Ängsten, Schul-Absentismus oder psychosomatischen Beschwerden. Bei anderen Kindern und Jugendlichen, die meine Hilfe zunächst etwa wegen Zwängen, Depressionen und selbstverletzendem Verhalten aufsuchen, zeigt sich erst im Zuge meiner Anamnese, dass ein Teil von ihnen in der Vergangenheit Opfer verbaler & physischer Gewalt geworden sind.

Erstere kann sich äußern in Erpressungen, aber auch Beschimpfungen und Beleidigungen in Bezug auf körperliche Merkmale, schulische Leistungen, den sozialen Status der Eltern, die Herkunft oder die sexuelle Orientierung. Es kommen auch Demütigungen und/oder Bloßstellungen durch Lehrkräfte vor der gesamten Klasse vor. Körperliche Übergriffe finden durch Prügeln, Würgen, Beinstellen etc. statt.

Was unternahmen die Schulen? Die mir berichteten Reaktionen der Lehrkräfte und Schulleitungen auf die Gewalt reichten von vorbildlichem Engagement für die Opfer über Gleichgültigkeit („Das müsst ihr unter euch regeln“) bis hin zu Faktenignoranz („An dieser Schule gibt es kein Mobbing“) oder sogar einem gezielten Decken der Täter*innen.

Was ist aus meiner Sicht zu tun?

(I.) Der Schutz der Opfer muss oberste Priorität haben. Es darf keinerlei Toleranz für Bullying und Mobbing geben. Übergriffe müssen sofort beendet werden. Dies entspricht den Grundsätzen der Traumatherapie, nach denen eine Behandlung nur dann Sinn macht, wenn die Bedrohung nicht mehr besteht.

(II.) Den Täter*innen muss konsequent disziplinarisch und/oder strafrechtlich begegnet werden. Sie müssen ggf. die Schule verlassen, nicht die Opfer. Diese Prinzipien müssen auch für mobbende Lehrkräfte gelten.

(III.) Es muss eine Offenlegung der Übergriffe erfolgen. Eine Vertuschung oder ein Verschweigen schadet den Opfern in ähnlichem Maße wie die eigentliche Tat.)

(IV.) Einen Täter*innen-Opfer-Ausgleich kann es nur geben, wenn Opfer dies ausdrücklich wünschen.

(V.) Ausflüchten oder Beschwichtigungen der Täter*innen muss mit einer klaren Haltung begegnet werden, die da lautet: Deine (angeblich fehlende) Absicht ist unerheblich. Was zählt, ist die Wirkung Deines Verhaltens. Und diese Wirkung ist schädlich und verletzend.

(VI.) Präventionsprogramme sind ab dem Kindergartenalter einzusetzen. In der Schule ist ein Fach „Menschenwürde und Respekt“ einzuführen.

Mein Wunsch für die Zukunft: Lasst die Schulen zu einem wirklich sicheren Ort werden, denn nur dann werden Kinder und Jugendliche dort eine gesunde Basis für ein glückliches Leben entwickeln können.

Euer/Ihr Hardi Schlie

Hier noch eine Quelle zur Definition von Mobbing/Bullying: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/bullying

Buchtipp: „Emotional Load. Wie Mütter frei von emotionaler Überlastung werden“ von Susanne Mierau

Sich um die Kinder kümmern, um ältere Verwandte, den oder die Partnerin, vielleicht noch um vorhandene Haustiere kümmern, die Wohnung putzen und „nebenbei“ noch arbeiten gehen? Welche Mutter kennt diese Situation nicht? Über die mehrfachen Belastungen von Frauen wird inzwischen häufiger berichtet und gesprochen. Es geht jedoch nicht um die Tätigkeiten an sich: das Leben als Mutter bringt nicht nur Arbeit mit sich, sondern auch viele Emotionen. Väter, Geschwisterkinder und die Großeltern haben ebenfalls Gefühle und auch diese wirken auf die Mütter ein: Sie tragen auch viel emotionale Last der anderen herum.

Im Buch der Diplom-Pädagogin Susanne Mierau geht es zunächst um die Definition von „Emotional Load“ und wie dieser entsteht und auch subtil auf Mütter einwirken kann. Verdeutlicht wird dies im Buch unter anderem durch die liebevollen Illustrationen von Johanna Augustin. Manchmal schafft ein Bild sofort zu verdeutlichen, was in Worten ausgedrückt länger benötigt, um zu uns durchzudringen.

In verschiedenen Kapiteln, die auch unterschiedliche Übungen enthalten, geht es ebenso um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie Familienpolitik, patriarchale Verhältnisse, Armut und Rassismus, wie um die Bestandsaufnahme eigener Gefühle und jeweiliger Lebensrealitäten. Die Leser*innen werden dazu angeregt, sich auch mit der zurückliegenden Kindheit von sich selbst zu beschäftigen – denn „Die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit kostet Kraft, die wir manchmal im Alltag nicht haben“.

Das 2025 im Beltz-Verlag erschienene Buch ist, wie alle Bücher von Susanne Mierau, kein einfacher Ratgeber, sondern ein Workbook. Die Loslösung aus erlernten Mustern ist ein längerer Prozess, Arbeit, der nicht in weiteren Stress münden soll, sondern Erkenntnis und Entlastung bieten kann.

Susanne Mierau hat Pädagogik mit Schwerpunkt Kleinkindpädagogik studiert (Nebenfächer Psychologie und Soziologie). Sie ist Autorin zahlreicher (pädagogischer) Bücher und 2025 ist auch ihr erstes Bilderbuch „Mein kleines Schlafnest“ (mit Illustrationen von Agnes Ofner) erschienen. Die bedürfnisorientierte Erziehung und Gestaltung von Beziehungen sind ihre Schwerpunkte. Mehr zur Autorin unter http://www.susanne-mierau.de

Ich wünsche Ihnen/euch viel Freude beim Stöbern und Lesen!

Ihre/eure Roma Mukherjee

Herr Schlie, warum gibt es in deiner Praxis so viele Kuscheltiere?

Roma: Hallo Hardi! Die Frage stellen einige Kinder, wenn sie zum ersten Mal das Spiel- oder das Sprechzimmer betreten. Ich gebe die Frage an dich weiter.

Hardi: Meine Praxis wird zum großen Teil von Kindern besucht und Kinder lieben Kuscheltiere.

Roma: Die Kuscheltiere sind also zum Wohlfühlen da. Haben sie auch eine Funktion für die Therapie?

Hardi: Natürlich. Ich nutze die Kuscheltiere für ganz unterschiedliche Zwecke. Kinder können in Rollenspielen, gemeinsam mit mir, Situationen aus der Familie oder der Schule nachspielen. So lassen sich Konflikte und die damit verbundenen Gefühle erlebbar machen. Außerdem können so Lösungsversuche erarbeitet werden. Eine Lösung kann auch sein, sich an einen angenehmen Ort zurückzuziehen und mit dem Stofftier alleine zu kuscheln.

Roma: Neben den klassischen Stofftieren, finden die Kinder auch viele therapeutische Handpuppen bei dir. Haben die noch eine spezielle Aufgabe?

Hardi: Ja, zum einen können die Kinder mithilfe dieser Puppen ihre Emotionen nicht nur durch Sprache und Mundbewegungen der Puppen, sondern auch durch deren Gestik ausdrücken. Die Handpuppen sind so konstruiert, dass die Kinder mit einem Arm die Mundbewegungen und mit dem anderen Arm deren Hände steuern können. Dies bringt viel Bewegung und Spaß in die Therapie. Zum anderen nutze ich die Handpuppen beispielsweise auch dazu, um Eltern von kleineren Kindern zu demonstrieren, wie sie diese wirkungsvoll zu einer Handlung auffordern können. Die Handpuppen übernehmen dann die Rolle des Kindes.

Roma: Apropos Bewegung: In deinem Spielzimmer gibt es einen Kicker und ein Tor. Darüber sprechen wir demnächst auch mal. Danke dir für die Erklärungen.

Hardi: Sehr gerne. Ich freue mich auf unser nächstes Gespräch.

Disclaimer: Eberhard Schlie und ich duzen uns und das haben wir für den Blog so übernommen.

Warum eine gründliche neuropsychologische Diagnostik ein rares Gut ist

Wenn bei uns Kinder oder Jugendliche zu einer Diagnostik – zum Beispiel bei Verdacht auf ADHS oder eine Autismus-Spektrums-Störung – angemeldet werden, so sind die Eltern oft erfreut und zugleich erstaunt, dass wir keine nennenswerten Wartezeiten haben. Wir hören dann, dass nur wenige Praxen, Klinikambulanzen oder neuropädiatrische Versorgungszentren eine Diagnostik anbieten und es dort oft bis zu 18 Monate bis zu einem Erstgespräch dauern kann.

Weshalb gibt es so wenige Diagnostikplätze? Das liegt zum einen daran, dass nur wenige Kolleg*innen, die eine Diagnostik anbieten, eine langjährige Berufserfahrung in diesem Bereich haben und die notwendige Reihe von Fortbildungen absolvieren konnten, um die einzelnen Testverfahren fachgerecht durchführen und auswerten zu können. Zum anderen kostet dieses Prozedere (viel) Zeit und Geld. Die Testverfahren selbst sind ebenfalls sehr teuer und erfordern hohe Investitionen. Wir möchten das an einigen Beispielen verdeutlichen:

Bei Verdacht auf eine Autismus-Spektrums-Störung sind folgende Verfahren, die wir (neben weiteren Diagnoseschritten) in unserer Praxis anwenden, weiterhin der Goldstandard:

Intelligenztest WISC-V: 1886,30 Euro, Protokollheft 7,56 Euro (pro Test), Aufgabenheft 6,72 Euro (pro Test)

Autismus-Screening FSK: 94,00 Euro, Fragebogen 1,60 Euro (pro Test)

Diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen (ADOS-2): 3708,00 Euro, Protokollheft 4,40 Euro (pro Durchführung)

Diagnostisches Interview für Autismus – Revidiert (ADI-R): 193,00 Euro, Protokollbogen 9,80 (pro Durchführung)

Die Durchführungsdauer ohne Auswertung beträgt beim WISC-V und beim ADOS-2 ungefähr 60 bis 70 Minuten, das ADI-R-Interview schlägt mit 90 bis 240 Minuten zu Buche. Diese Zeiten und die notwendigen Investitionen über die in einer Kassenpraxis gültigen Abrechnungsziffern zu finanzieren, ist allerhöchstens kostendeckend, oft aber ein Zuschuss-Geschäft.

Wir bieten die Diagnostik dennoch an, weil wir – trotz der berufsrechtlichen Verpflichtung, wirtschaftlich arbeiten zu müssen – unseren Grundwerten entsprechend die bestmöglichsten und professionellsten Hilfen für Kinder und Jugendliche anbieten möchten. Es ist für uns absolut nachvollziehbar, dass nicht alle Praxen zeitlich und finanziell in der Lage sind, diese Herausforderungen zu stemmen. Wir würden uns aber wünschen, dass diese Praxen dann auch dazu stehen und nicht, wie dies oft in Fachforen eingeräumt wird, auf kostengünstige, veraltete Verfahren zurückgreifen oder sogar bei Autismus-Verdacht ein reines Fragebogen-Screening (plus der in Gesprächen vorgenommenen sogenannten klinischen Einschätzung der jeweiligen Kolleg*innen) betreiben. Unsere klare Haltung dazu: Neuropsychologische Abklärungen von Diagnosen mit einer hohen Wirkung auf das zukünftige Leben von Kindern und Jugendlichen dürfen niemals, aus Gründen der Kostenersparung oder mit mangelnder fachlicher Kompetenz, unzureichend durchgeführt werden, sondern müssen stets den höchsten Standards genügen. Wer diese nicht anbieten kann oder mag, sollte die Diagnostik anderen Praxen überlassen. Dies ist das Gebot einer ethisch einwandfreien und wertschätzenden Psychotherapie.

Hardi Schlie und Roma Mukherjee